Hildegard Ochse - Fotografie 1935 - 1997


o.T. (Selbstporträt) Hildegard Ochse ca. 1980

Wichtige Projekte

  • Berliner Kirchen
  • Frankreich
  • Stadtansichten, 1978/79
  • Café M_(itropa)
  • Bomarzo
  • Der Beamte, 1987
  • KPM, 1988
  • Die Mauer, 1989/90
  • Brandenburg, 1990
  • Jerusalem, 1995/96

Hildegard Ochse 1935 geboren in Bad Salzuflen, Westfalen als Einzelkind.
1955-1958 Studium in Freiburg i. Breisgau Romanistik und Kunstgeschichte.
1979-1981 Ausbildung an der Werkstatt für Fotografie in Berlin-Kreuzberg unter der Leitung von Michael Schmidt sowie autodidaktisch, seit 1983 als freie Fotografin tätig.
1997 stirbt die Künstlerin nach schwerer Krankheit in Berlin.
Ausstellungen von dokumentarischen und konzeptionellen Arbeiten in Berlin, Mailand, Padua, Triest, New Plymouth.

Öffentliche Sammlungen

  • Fotografische Sammlung der Berlinischen Galerie im Martin-Gropius-Bau
  • Universita di Parma, Centro studi e archivo, dip fotografia

Ausstellungen


Vita
Hildegard Ochse geb. Römer wuchs als Einzelkind in Badsalzuflen bei Ihren Eltern auf die eine Mädchenschule Leiteten. Ihre Eltern waren Katholisch geprägt, ihr Vater arbeitet in den 20er Jahren in Süd-Afrika als Lehrer, bevor er nach Deutschland zurückkehrte. Nach dem Krieg unternahm sie 1952 eine Studienreise in die USA und überquerte noch als Teenager auf der USS United States den Atlantik.
Sie studiert in Freiburg im Breisgau Kunstgeschichte und Germanistik.
1958 Heiratete sie Horst Ochse.
1958 - 1965 Geburt von vier Kindern.
1971 Umzug nach Berlin (West) mit der Familie.
1976 Einjähriger Auslandsaufenthalt mit der Familie in Süd-West Frankreich.
1978 Erste eigenständige Versuche mit dem Medium Fotografie.
1979 Fotokurs an der VHS Kreuzberg unter Leitung von Michael Schmidt
1980 Begegnung mit dem Berliner Fotografen Karl-Ludwig Lange und beginn einer langen Beziehung die bis zu ihrem Tod 1998 reicht. Gemeinsame Reisen nach Italien.
1989 Fall der Berliner Mauer.
Während ihrer künstlerischen Tätigkeiten lernte sie viele internationale und nationale Fotografen und Künstler kennen, wie zum Beispiel Marsha Burns und Mikle Burns 1987, Klaus W. Mende, und andere.
Ihre Arbeiten wurden unter anderem durch die Arbeiten der Fotografin Aenne Biermann und Karl-Ludwig Lange beeinflusst.

Berliner - Stadtfotografien, 1987
In der umfangreichen Fotoserie werden Bilder von Hildegard Ochse gezeigt, die in 1984-86 entstanden sind. Sie waren Teil der Ausstellung Berliner - Stadtfotografien, eine Gegenüberstellung von drei historischen und drei modernen Berliner Stadtfotografen. Lucien Levy, Hermann Rückwardt, F. Albert Schwartz, Karl-Ludwig Lange, Hans W. Mende, Hildegard Ochse.
Die Ausstellung zeigt die historische und die nach dem Krieg nachgewachsene Stadt anhand der Gegenüberstellung von drei Stadtfotografen des 19. Jahrhunderts und drei jungen Fotografen. Es entsteht ein Panorama von Berlin aus sechs sehr unterschiedlichen Blickwinkeln.
» Der Architekturphotograph verpflichtet sich der genauen Darstellung des einzelnen Gebäudes; der moderne Dokumentarphotograph schiebt die Attitüde des persönlichen Blicks als Stilmerkmal zwischen sich und den Gegenstand und entzieht diesem dann oft genug der genauen Erkenntnis; demgegenüber versucht der Stadtphotograph, den Blickwinkel das seine Stadt wie eine Wohnung bewohnenden Flaneurs aufzunehmen und festzuhalten. «
Aus Frecot/Geisert: Frühe Photographie Berlin 1857-1913. Schirmer/Mosel 1984

Eine Ausstellung der Berliner Festspiele GmbH in Zusammenarbeit mit der Fotografischen Sammlung der Berlinische Galerie, Juni - August 1987.

»STADT LAND SCHAFTEN | GEGEN ÜBER STELLUNGEN 1983|2010« Video © pixeltransfer 2010

(v.l.n.r.) o.T. (KPM »Königlichen Porzellan-Manufaktur) © Hildegard Ochse 1988

KPM »Königlichen Porzellan-Manufaktur« 1988
Die Aufnahmen dokumentieren in eindrucksvoller und sehr sensibler Weise den Herstellungsprozess von Porzellan in der KPM - Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin, es zeigt dabei die Menschen bei ihrer künstlerischen Arbeit in der Manufaktur. Dabei verzichtet die Fotografin ganz bewusst auf gestellte oder inszenierte Bilder und verzichtet dabei trotz schwieriger Bedingungen auf zusätzliches Licht, dabei ist es bemerkenswert mit welcher Brillanz diese Bilder entstanden sind.

» Manufaktur ist ein Prädikat für außerordentliche Porzellankunst. Wird doch hier jedes Stück von Hand gearbeitet und bemalt. Somit handelt es sich also ausschließlich um Unikate. Der außergewöhnlich weiße Scherben und die hohe Kunstfertigkeit in der Formung und Bemalung machen das Besondere des KPM- Porzellans aus. Vom Entwurf bis zum Meisterstück, von der Herstellung der Porzellanmasse bis zur Goldgravur liegt jeder Arbeitsschritt in sorgfältigen Händen. Aus der Verbindung von traditionellem Handwerk, Phantasie und Fingerspitzengefühl entstehen so die einzigartigen Klassiker in Porzellan. « KPM

Freie Auftragsarbeit, 1988.

Eine Wanderung durch die Mark Brandenburg, Januar - März 1990

» Eine Wanderung durch die Mark Brandenburg « Video © 2008 by pixeltransfer

Die Serie aus 32 Bildern zeigt in eindrucksvoller Art die bedrückende Stimmung der Menschen im Land Brandenburg kurz nach der Öffnung der Mauer im Frühjahr 1990. Es werden Straßensituationen gezeigt, Warteschlangen vor einer HO sowie Landschaften und Häuser wie es sie Heute so kaum noch zu finden sind. Photos © 1990 Hildegard Ochse.


(v.l.n.r.) o.T. (Brandenburger Tor); o.T. (Wachturm der DDR Grenzanlage); o.T. (Berliner Mauer in Kreuzberg) © Hildegard Ochse 1990

Metamorphose
Ist eine Serie von 72 schwarz/weiß Bildern um und über die Berliner Mauer in den Wendejahren 1989/90 nach der Maueröffnung, sie zeigt den Verfall (Metamorphose) der Mauer auf eine bedrückende fast melancholische Art und Weise. 1990

Texte zu der Serie » Mauer « gesammelt von Hildegard Ochse (Abschrift 2009)

I: » Der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht versichtbaren: Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit der Formen, bald überredent, selbst schmeichelnd, bald bloß befehlend. Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt zum Ausdruck, was großen Stil hat. Die Macht, die keinen Beweis mehr nötig hat! die es verschmäht zu gefallen: die schwer antwortet; die keinen Zeugen um sich fühlt; die ohne Bewusstsein davon lebt, daß es Widerspruch gegen sie gibt; die in sich ruht, fatalistisch, ein Gesetz unter Gesetzen. Das redet als großer Stil von sich. « Aus: Friedrich Nietztsche, Götzendämerung

II: O siehe! rief jetzt Diotima mir plötzlich zu.

Ich sah, und hätte vergehen mögen vor dem allmächtigen Anblick.

Wie ein unermesslicher Schiffbruch, wenn die Orkane verstummt sind und die Schiffer entflohen, und der Leichnam der zerschmetterten Flotte unkenntlich auf der Sandbank liegt, so lag vor uns Athen, und die verwaisten Säulen standen vor uns, wie die nackten Stämme eines Walds, der am Abend noch grünte, und des Nachts darauf im Feuer aufging.

Hier, sagte Diotima, lernt man stille sein über sein eigen Schicksal, es seie gut oder böse.

Hier lernt man stille sein über Alles, fuhr ich fort. Hätten die Schnitter, die dies Kornfeld gemäht, ihre Scheunen mit seinen Halmen bereichert, so wäre nichts verloren gegangen, und ich wollte mich begnügen, hier als Ährenleser zu stehn; aber wer gewann denn?

Aus Hyperion oder Der Eremit in Griechenland ein (Berlin) an von Friedrich Hölderlin, 1797-99

Hölderlin, Werk: Hyperion oder der Eremit in Griechenland.

III: Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte (Berlin) aus dem neuen herauszuklauben, aber man muss es denn doch tun und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen.

Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehen ließen, haben die Baumeister des neuen (Berlin)s verwüstet.

Wenn man so eine Existenz ansieht, die (Siebenhundertfünfzig) Jahre und darüber alt ist, durch den Wechsel der Zeiten so mannigfaltig und vom Grund aus verändert und doch noch derselbe Boden, derselbe Berg, ja oft dieselbe Säule und Mauer, und im Volke noch die Spuren des alten Charakters, so wird man ein Mitgenosse der großen Ratschlüsse des Schicksals, und so wird es dem Betrachter von Anfang schwer, zu entwickeln, wie (Berlin) auf (Berlin) folgt, und nicht allein das neue auf das alte, sondern die verschiedenen Epochen des alten und neuen selbst aufeinander.

Ich suche nur erst selbst die halb verdeckten Punkte heraus zufühlen, dann lassen sich erst die schönen Vorarbeiten recht vollständig nutzen; denn seit dem fünfzehnten Jahrhundert bis auf unsere Tage haben sich treffliche Künstler und Gelehrte mit diesen Gegenständen ihr ganzes Leben durch beschäftigt.
(Berlin), (5) 7. November Frei nach Johann Wolfgang von Goethe, Italien Reise


Ausstellung im Taranaki Arts Centre (Whare Taonga o Taranaki), 2004, New Plymouth, NZ

» METAMORPHOSE 1990 «
Hildegard Ochse wagt sich mit diesem Zyklus von Mauerfotografien auf ein heikles Terrain. Schon vor dem 9. November 1989 gehörten Fotografien unserer Mauer zum inflationärer Sujet, das sich sogar im »Berlin tut gut«-Programm der offiziellen Berlinwerbung schon abgenutzt hatte die zahllosen Fotobücher und Postkarten über die Mauerrealität waren eigentlich nur noch für auswärtige Besucher interessant, die sich nach dem Mauerspaziergang in Kreuzberg oder am Potsdamer Platz mit Souvenirs eindeckten. Die bunten Bilder und Graffitis gehörten zum Stadtbild wie die Gedächtniskirche und die Kongreßhalle.

Als dann plötzlich die Mauer offen war, zogen natürlich wieder Heerscharen zur Mauer (oder dem antifaschistischen Schutzwall), um das historische Bauwerk abzulichten. Die verschwindende Mauer hatte absolute Hochkonjunktur nun konnten auch alle diejenigen kommen und sehen und fotografieren, die bisher die Mauer nicht sehen konnten, sondern lediglich von ihr wussten und sie massiv erfahren hatten, weil sie für sie undurchlässig war. Die »Mauerspechte« waren schnell dabei mit der Demontage, die bunte westliche Seite der Mauer war rascher abgeklopft, als die Politik auf die neue Situation reagieren konnte Natürlich wurde kilometerweise Filmmaterial belichtet, um die aktuelle Metamorphose zu dokumentieren.

In diesen turbulenten Wintermonaten 1989/90 entstanden auch die schwarz/weiß Fotografiert, die Hildegard Ochse von der schon halb abgerissenen Mauer machte, ein Wagnis, sich auf dieses Motiv zu stürzen. Diese Gratwanderung hat sich, um es vorweg zu sagen, gelohnt.

Das Ergebnis dieser Arbeit konfrontiert den Betrachter zuerst einmal mit einer Ruhe und Leere, die innehalten lässt. Dieses abgetakelte, verbrauchte historische Machtmonument, dieses eigentlich verbrauchte Motiv, führt uns die Fotografin vor und zeigt uns damit die fortschreitende Zeit, deren rasantes Tempo hier noch nicht systematisiert ist. Der Blick mit der Kamera erscheint wie eine Recherche nach der verlorenen Zeit. Wir erkennen durch die Bilder die Verwandlung Deutschlands und spüren die wohl gemischten Gefühle, die Hildegard Ochse zu diesem Motiv führten. Das Aufsuchen, Umkreisen, Erschauen und Erlaufen dieser Orte ist wie eine Selbstbefragung der nicht so schnell zu begreifenden Realität. Welche Situation wird durch das stehende Bild eingefangen, wo hält die Weltgeschichte inne? Die fertigen Bilder lassen diese Unsicherheit zu und geben immer offene Situationen preis. Die Durchblicke lassen unbekanntes- bekanntes Gebiet aufscheinen. Die Zonen sind porös, sind brüchig, sie sind noch nicht verschwunden. Der Blick läßt weites Gelände zu, erschreckend wie verschlossen es bisher war und wie sich diese Versiegelung des anderen Gebietes in den Kopf eingegraben hat Das unbekannte Terrain ist so unendlich leer und fern, daß der Betrachter verloren davor steht.

Die ehemalige Grenze zwischen Hauptstadt Berlin und Berlin West ist grausam leblos und kaputt, daß man diesen dokumentarischen Fotos kaum mehr trauen mag Heute sind die Straßen wieder offen, die Grenzgebiete an vielen Stellen kaum mehr sichtbar. Äußerlich ist die Geschichte von den Notwendigkeiten der Großstadt zum Verschwinden gebracht worden, um so eindringlicher wirken die Bilder, die ihre Aktualität behalten, da sie einen inneren Zustand beschreiben, der sich inzwischen offensichtlich in den einzelnen Facetten der Gesellschaft manifestiert hat.

Beim Einsehen in die Bilder können die Nah und Weitsichten langsam angenommen werden, und die scheinbar belanglosen Details treten hervor, Die Armiereisen, Stützpfeiler, Stacheldrahtfragmente bewahren in sich die verlorenen Bedeutungen Sie muten an wie objets trouv’s, in denen die Verwandlung Deutschlands sichtbar wird. Oberflächlich angesehen haben sie eigentlich plastischen Charakter, im Kontext zeugen sie von dem zu lange währenden Machtinstrument dieses Staates. Der niedergerissene Wachturm wird aus verschiedenen Blickrichtungen festgehalten.

Die Annäherung ist vorsichtig, eine Distanz ist auch bei der Nahsicht in die Innenkonstruktion gewährleistet Die Distanz ist in allen Fotos vorhanden. Das macht ihre Qualität und Aktualität aus und unterlegt die Bilder mit einer vielschichtigen Interpretation.

Dr. Britta Schmitz
November 1991


» METAMORPHOSE 1990 « Video © pixeltransfer 2008


(v.l.n.r.) o.T. (Jerusalem); oT. (Jerusalem, Blick auf die Klagemauer); o.T. (Basar in Jerusalem) © Hildegard Ochse 1995

Man Ray Aus Sur le réalisme photographique (1935)
»Welcher Maler, mag er noch so emanzipiert sein, revolutionär und selbstsicher sein, hat noch nicht vor einer Fotografie einen Augenblick lang Unsicherheit und Einschüchterung empfunden und das Gefühl verspürt, er werde durch sie als altmodisch abgestempelt ?«

Im März 2009 ist eine Serie von 12 Postkarten mit unterschiedlichen Motiven aus dem Werk der Fotogafin erschienen.

© Benjamin Ochse 2008 | Rechtsnachfolger der Fotografin.

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